R = (i x a)/C

Mit dieser hübsch eingängigen Formel* habe ich vor sechseinhalb Jahren einen meiner ersten Beiträge im „Presse Schaufenster“ begonnen. Genauer ging es in dem Artikel um die Gerüchteküche in der Modewelt und darum, dass Insider, wie ich damals meinte, besonders heiß essen würden.

Damals ging es um die von Diane Pernet lancierte Fehlmeldung – die natürlich auch die Zugriffszahlen ihres damals schon nicht mehr top-relevanten Blogs in die Höhe trieb -, dass Alber Elbaz von Chanel als Karl Lagerfelds Nachfolger auserkoren worden sei.

Herr Elbaz ist ja heute mehr „am Markt“ denn je, doch das neueste Gerücht mit Chanel-Bezug wurde nach der Pariser Couture-Woche nun von „Business of Fashion“-Gründer Imran Amed lanciert. Amed mutmaßt, dass Hedi Slimane nur deshalb mit einer Abschiednahme des von ihm umgekrempelten Maisons „Saint Laurent Paris“ liebäugelt, weil er von Chanel ein Lockangebot bekommen habe.

Das mag stimmen, oder es mag falsch sein – man wird es ohnehin sehen. Bedenklich finde ich aber die Rolle, in die sich Amed mit dem besonders stolzen Herausposaunen von Insider-Informationen gebracht hat. Erstens schadet er meiner Meinung nach dem Ansehen seiner Plattform BoF, die ja nur bei anhaltender Vertrauenswürdigkeit relevant bleiben kann.

Und zweitens hat er sich selbst wohl auch nichts Gutes damit getan, ein bisschen Frontrow-Fashion-Klatsch an ein interessiertes Publikum hinauszuposaunen. Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht – heißt ein Sprichwort. Und wer einmal dafür bekannt geworden ist, brisante Informationen nicht sachgerecht zu behandeln, wird sie entweder nicht mehr zugespielt bekommen oder als leicht manipulierbarer Informationsverbreiter von Kommunikationsabteilungen instrumentalisiert werden.

Die oben erwähnte Formel, welche auch den Faktor der „Kritikfähigkeit der Beteiligten“ inkludiert, ist dann nämlich nur mehr bedingt anwendbar.
* (edit am 2.2.2016) In der Hitze des Gefechts vergessen: Die Formel, auf die mich damals Andrea van der Straeten mit ihrer künstlerischen Arbeit zum Thema Gerücht gebracht hat, bezeichnet das Produkt aus Brisanz des Inhalts mal Vieldeutigkeit der Information, relativiert durch die Kritikfähigkeit der Beteiligten dar.
 

Advertisements

Kreativsöldner und Alleskönner

Layoutseite aus "Die Presse Schaufenster", erschienen am 6. 9. 2013
Layoutseite aus „Die Presse Schaufenster“, erschienen am 6. 9. 2013

 

Anlässlich des bevorstehenden Geburtstages von Karl Lagerfeld – vielleicht ja seinem 80., es steht nicht wirklich fest – habe ich mich zu einer Würdigung des kreativen Alleskönners, unermüdlichen „créateur mercenaire“ (so nennt ihn Didier Grumbach, Präsident der Fédération française de la couture in seinem Buch „Histoires de la mode“) und, spätestens seit seiner Erschlankung um die Jahrtausendwende, Popstars hinreißen lassen.

In meinem Text, erschienen im „Schaufenster“ der Wiener „Presse“, komme ich zu dem Schluss: Lagerfeld funktioniert als Designer auf (mindestens) zwei Ebenen: als Modeschöpfer, der für Luxusmaisons arbeitet, und als Popstar, der seine eigene Celebrity-Fashion-Linie betreibt. Nachzulesen hier.

Karl ist der Mode Oscar

Karlism

Wer sich, wie ich zum Beispiel, regelmäßig auf die Suche nach einem möglichst originellen, nicht zu langen, prägnanten und pointierten Zitat macht (in meinem Fall geht es darum, ein Bonmot zu finden, das auf der letzten Seite des „Schaufenster“ der „Presse“ Platz findet, nebst einer passenden Illustration von Nina Ober), der geht früher oder später auf Tuchfühlung mit der beträchtlichen Gesamtmasse der Online-Zitatesammlungen.

Immer wieder erstaunlich – das nur eine Bemerkung am Rande: In Frankreich mussten Gymnasiasten ja früher (und wahrscheinlich müssen sie es noch) ihr Hirn mit Aussprüchen der großen Denker des Hexagons ausstaffieren, um sie auswendig in ihren Essays unterbringen zu können. Hmpf.

Nun jedenfalls ist bekanntermaßen ein häufig wiederkehrender Bonmotspender der großartige Oscar Wilde (gerne auch auftauchend in Ildefonso-Würfeln und den Zitat-Beipackzetteln der Baci-Pralinchen) – anzunehmenderweise ist er ob dieser frequenten Zitabilität (?) auch vielen Menschen ein Begriff, die im Leben noch kein Buch von ihm in der Hand hielten.

Der Mode Oscar ist, das liegt auf der Hand, nun zweifellos Karl Lagerfeld. Der guten Coco Chanel nacheifernd, die ja ihrerseits gerne in der Rubrik Mode/Stilbewusstsein/Luxus Eingang in Zitatemischungen findet, lässt Herr L. es munter und unentwegt in drei bis vier Sprachen vor sich hinplätschern, pointentechnisch.

Konsequenterweise wurde auf der Homepage Karl.com die Rubrik „Karlism“ (!) eingerichtet, die ausschließlich mit Lagerfeld-Bonmots, also eben den „Karlismen“, befüllt wurde. Eine Fundgrube für zitathungrige Modeaficionados? Mag sein, doch irgendwie des Personenkults doch deutlich zu viel.

Karl oder Katie?

Lange hat der „ultimative Clash“ von Designern und Stylisten in Auftragnehmerdingen ja nicht auf sich warten lassen, werden doch die prominentesten Vertreter beider Berufsgruppen längst schon als kreative Köpfe von großen Modemarken für das Erstellen von lieb gewonnenen und immer noch irgendwie unübersetzbaren „Capsule Collections“ herangezogen. (Kapselkollektion? Sicher nicht! Vielleicht gibt es ja ein andermal Gelegenheit, diese spannende Frage näher zu besehen.)

Jedenfalls lud Diego della Valle unlängst die Stylistenberühmtheit Katie Grand ein, ein paar Modelle für seinen Streetwear-Spinoff „Hogan“ zu entwerfen, und wir sehen auf den ersten Blick: Das zuletzt allgegenwärtige Modell „Sneaker mit integriertem Keilabsatz“ kommt auch hier zu Ehren. Wie gefällt uns aber im Vergleich ein Modell aus Karl Lagerfelds erster „Hogan by Karl Lagerfeld“-Kollektion (die Kooperation startete 2010)?

Sagen wir einmal, ein bisschen vorsichtig, in beiden Fällen macht sich der Innovationsgrad recht bescheiden aus, aber das Rad muss ja auch nicht ständig neu erfunden werden.